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Barrierefreiheit beginnt im Kopf

Ursprünglich sollte dieser Artikel mit dem Begriff „altersgerecht“ beginnen, doch die Notwendigkeit eines barrierefreien Heims ist leider oft keine Frage des Alters: Ein Unfall oder eine Erkrankung reichen häufig schon aus, das gewohnte Leben mitsamt Bewegungsfreiheit von jetzt auf gleich auf den Kopf zu stellen.

Immer mehr Menschen entscheiden sich auch jung, kerngesund und ohne Einschränkungen für einen barrierefreien Haushalt: Bungalows erleben deshalb gerade eine regelrechte Renaissance. Kein Wunder, denn Barrierefreiheit ist ein Komfortgewinn, egal in welchem Alter. Denkt man beispielsweise an Familien mit kleinen Kindern, die oft Unmengen an Notwendigem wie Nahrung, Kleidung, Kinderwagen etc. ins oder aus dem Haus heraus transportieren müssen. Hier liegt es nahe, dass ebenerdiges Wohnen – ohne lästiges Treppensteigen – das Leben erleichtert.
Und sollen die eigenen Eltern ihren Lebensabend nahe und nicht im Seniorenheim verbringen, dann wird man früher oder später sowieso mit diesen Themen konfrontiert. Warum also nicht schon heute an später denken?

Wie geht das Leben weiter?
Natürlich ist es nicht einfach, die eigene Zukunft abzuschätzen. Und ebenso natürlich ist die Tendenz des Menschen, für sich selbst erst einmal die bestmögliche Version anzunehmen. Blickt man allerdings weit in die eigene (Wohn-)Zukunft und geht realistischerweise nicht von ewiger Jugend bzw. perfekter Gesundheit bis ins hohe Alter aus, dann sollte man sich mit Gebäuden wie dem Tübinger LebensPhasenHaus (LPH) auseinandersetzen: An diesem Versuchsträger* wird getestet, wie (sehr) sich ein Haus parallel zum Grad einer Einschränkung mitverändern kann, wie die Menschen trotz dieser Einschränkungen möglichst lange selbständig bleiben und wie Pflegekräfte besser arbeiten können.

*Geplant sind zehn Lebensphasenhäuser, die als „echte“ Wohnhäuser real bewohnt werden und Daten liefern sollen.

Die Architektur ist bereits barrierefrei, die Arbeitsflächen der Küche sind verstellbar, die vorhandene Treppe wurde gerade angelegt und hat eine lifttaugliche Breite. Auch Hausautomation und Lichtkonzepte sind bereits eingebaut und den Anforderungen entsprechend programmiert. Selbst der Garten ist pflegeleicht und rollstuhlgerecht gestaltet.

Ein Teil des von der Universität und dem Universitätsklinikum Tübingen zusammen mit regionalen Wirtschaftspartnern entwickelten Gebäudes besteht aus einem FlyingSpace Hausmodul, das bei Bedarf ausgetauscht werden kann: Sind in ihm beispielsweise Bad und Küche untergebracht und wird dann eine Rollstuhlnutzung notwendig, wird im Werk ein weiteres FlyingSpace entsprechend ausgestattet und gegen das bestehende, „normale“ Modul getauscht. Das geht deutlich schneller als der Umbau einer bestehenden Wohnung.

Der für den Bau des gesamten LPH verantwortliche Hersteller SchwörerHaus bietet seine FlyingSpaces auch als eigenständige Lösung an und lässt neben seinen eigenen Erfahrungen mit dem LPH nach und nach auch dort erprobte Assistenzsysteme in die Module mit einfließen. Das bedeutet, dass die neueste Technik als Hilfe – nicht als Gimmick – Einzug hält.
Bungalows und das LPH sind als Neubauten nur zwei Möglichkeiten von vielen. Am häufigsten wird dieses Thema aber Menschen treffen, die in Bestandsimmobilien leben, zum allergrößten Teil zur Miete. Aber auch hier gilt: Wer in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, der muss im Regelfall die Umgestaltung seiner Räume in Angriff nehmen, sofern er einen Umzug vermeiden und weiter in seiner vertrauten Umgebung leben möchte.

Rat suchen

Ratgeber_Barrierefrei - ratgeber bauen

Die Praxis zeigt, dass Planungs- fehler und Ausführungsmängel gravierende Auswirkungen haben können: Wichtige Bereiche der Wohnung, wie zum Beispiel die Küche (Höhe und Unterfahrmöglichkeit der Arbeitsplatten), bleiben unberücksichtigt. Die grund-sätzliche Orientierung am tat-sächlichen Bedarf, bei gleich-zeitiger Berücksichtigung möglicher Verschlechterungen, verhindert zeit- und kosten-intensive Nachbesserungen. www.bsb-ev.de Foto: Fotolia/Jeanette Dietl

Vor Beginn der Bau- oder Umbaumaßnahmen sollte zuerst ein Fachmann alle Möglichkeiten prüfen, abwägen und planen. Bei langwierigen Erkrankungen oder dauerhaften körperlichen Einschränkungen ist es unbedingt notwendig, zusammen mit den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal den Ist-Zustand und eine Prognose des zukünftig notwendigen Bedarfs an Platz und Hilfsmitteln aufzustellen. Eine bereits eingeschränkte Mobilität kann sich beispielsweise weiter verschlechtern und sogar Bettlägerigkeit zur Folge haben. In solch einem Fall muss das bisherige Bett durch ein deutlich größeres Pflegebett ersetzt werden, als Folge dessen muss auch für entsprechend breite Türen und mehr Raum gesorgt werden. Ein Platz für eine ständige Pflegekraft kann sinnvoll sein, er muss vorab bedacht werden. Eine relativ „kleine“ Entscheidung, wie der Tausch eines Bettes, zieht also weitreichende – bauliche – Konsequenzen nach sich. Deshalb setzt ein pflegegerechter beziehungsweise barrierefreier Umbau große Weitsicht voraus. Nur dann folgt nicht eine Umbaumaßnahme der anderen und macht die Wohnung zur Dauerbaustelle.

Zugänge und Treppen hindernisfrei gestalten
Den idealen, barriere- und stufenfreien Zugang zum eigenen Heim, den gibt es in der Praxis leider nur selten. Aber mittels Rampen und Treppenliften lassen sich auch mit Rollatoren und Rollstühlen Treppen überwinden. Für Treppenlifte sollte eine Mindestlaufbreite von 110 Zentimetern vorhanden sein, bei einem Einbau auf schmalere Treppen wird die Begehung für Fußgänger schwieriger. Außerdem müssen die Aktionsradien von Rollstühlen im Treppenhaus, vor einem Aufzug oder im Eingangsbereich geprüft und bei Bedarf angepasst werden. Türen lassen sich recht einfach mit Automatiken nachrüsten und Stolperfallen wie Balkonaustritte oder Türschwellen werden mit Rampen aus Blech oder Holz leichter überwindbar.

Der Sanitärbereich
Gerade die eigene Körperpflege und WC-Nutzung spielen für ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben eine große Rolle: WC, Waschbecken und Dusche sollten dafür möglichst in einem einzigen Raum untergebracht sein. Außerdem sollte der Sanitärbereich wenn möglich nicht nur vom Flur, sondern auch direkt vom Schlafzimmer aus erreichbar sein, natürlich ebenso mit Rollator und Rollstuhl.

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Bodenebene Duschen erleichtern die tägliche Hygiene erheblich. Foto: Sanswiss

Handelsübliche Badewannen sind wegen des anstrengenden Ein- und Ausstiegs für geschwächte oder nur eingeschränkt bewegliche Menschen kaum nutzbar. Meist wird deshalb der Umbau zu einer bodenebenen Dusche angeraten, wodurch sich auch der gesamte Bewegungsraum im Badezimmer vergrößert. Die Nutzung mit Rollator oder Rollstuhl mit oder ohne Hilfe weiterer Personen wird so deutlich erleichtert. Allerdings gibt es inzwischen schon Dusch- und Badewannen, auch in Kombination, die durch eine Tür betreten werden können, ein über den Rand klettern entfällt damit. Wichtig sind auch Stütz- beziehungsweise Haltegriffe: An ihnen sollte nicht gespart werden. Sie sind an der Badewanne, in der Dusche und auf beiden Seiten des WCs sehr hilfreich. Dabei darf man nicht vergessen, dass dafür eine stabile Unterkonstruktion erforderlich ist. Weitere Sicherheit bieten Halteschlaufen, die im Deckenbereich über allen relevanten Bereichen des Bades angebracht werden sollten.

Einfache Reinigung versus Sicherheit

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Eine Antirutsch-Beschichtung lässt sich auch nachträglich anbringen. Foto: Grip AntiRutsch

Ein weiteres, ganz wichtiges Thema sind die Bodenfliesen des Badezimmers: Je leichter eine Fliese zu reinigen ist, desto glatter ist sie im Regelfall auch. Da der Boden in Sanitärbereichen allerdings so rutschhemmend wie möglich sein sollte, empfehlen sich Fliesen mit rauer Oberfläche oder kleine Mosaikfliesen mit hohem Fugenanteil. Prüfungsergebnisse zum Thema Rutschfestigkeit können von den Herstellern angefordert werden. Rutschfestigkeit lässt sich aber auch nachrüsten: Entweder über Klebestreifen oder – noch sicherer – über Beschichtungen, die auf den Fliesen angebracht wird. Diese sind fast unsichtbar, hygienisch und rückstandslos zu entfernen.

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Handlich und sicher: Notrufsysteme wie das Geocare überzeugen mit 1-Tasten-Notruf, Freisprechfunktion, automatischer Rufannahme und punktgenauer Ortung. Foto: Libify Technologies

Haustechnik und Arbeitsflächen
Auch im Bereich der Haustechnik gibt es einiges zu beachten: Ein Notruf sollte eingerichtet werden, er ist gerade bei Personen mit eingeschränkter Mobilität oft die einzige Chance, im Falle eines Sturzes Hilfe holen zu können. Armaturen mit Thermostatventilen und Verbrühungsschutz sind ebenfalls eine sinnvolle Investition. In der Küche wie auch im Bad sollten durch den Ausbau von Unterschränken rollstuhlgerechte, weil unterfahrbare Arbeits- und Waschflächen geschaffen werden.

Experten fragen
Solche Neu- oder Umbauten sind ein sehr weites und mitunter komplexes Gebiet, deshalb sollte immer ein qualifizierter Planer eingeschaltet werden. Die Suche nach einem auf spezialisierten Handwerksbetrieb ist dann erst der zweite Schritt. Ansprechpartner für eine unabhängige Beratung zum barrierefreien Umbau finden Sie zum Beispiel in den Bauherrenberatern des Bauherren-Schutzbund e.V.
Viele Informationen und praktische Anregungen sind auch in der BSB-Broschüre „Barrierefrei Ratgeber: Für Jung und Alt – Bauen und Wohnen ohne Barrieren“ unter www.bsb-ev.de zu finden.
Telefonisch ist der Bauherren-Schutzbund e.V. unter +49(0)30/312 80 01 zu erreichen. Die Bürozeiten sind von 09.00 – 12.00 Uhr und 13.00 – 17.30 Uhr (montags, dienstags, donnerstags) und 09.00 – 12.00 Uhr und 13.00 – 15.30 Uhr (mittwochs und freitags).

O. Rautenberg